Johann Sebastian Bach starb 1750, als Joseph Haydn gerade 18 Jahre alt war; sechs Jahre danach kam Mozart zur Welt. Für den Übergang von der musikalischen Epoche Bachs (Barock) zu der Mozarts und Haydns (Wiener Klassik) steht ein Name als Synonym: Carl Philipp Emanuel Bach, der zweite und berühmteste der Bach-Söhne. Seine letzte, im Jahr vor seinem Tod entstandene Passion nach dem Lukas-Evangelium liegt jetzt als Welt-Ersteinspielung bei GLOR Classics vor.
Am Übergang vom Zeitalter des Barock zum Zeitalter des Rokoko - nach 1750 - erfuhr die mitteleuropäische Musik einen tiefgreifenden Stilwandel. Während der folgenden ca. 30 Jahre bis zum Beginn der Wiener Klassik verlangte das Publikum im Zuge der Aufklärung nach Musik, die eingängiger, einfacher und auch leichter spielbar war, als etwa die hochkomplexen Konstruktionen eines Johann Sebastian Bach. Man könnte von einer "Demokratisierung der Musik" sprechen, mit allen impliziten Vor- und Nachteilen, der auch Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel (1714-1788) in seinen Werken Rechnung zu tragen hatte. Das Schlagwort des neuen Stils lautete (und lautet bis heute) "galant". Der Publikumsgeschmack zwang also die Kompositeure dazu, aus dem Elfenbeinturm absoluten Wissens und absoluten Könnertums herauszutreten.
Nach dem Willen seines Vaters sollte Carl Philipp Emanuel ursprünglich Rechtswissenschaften studieren - bei dieser Erbmasse ein hoffnungsloser Plan. Natürlich wurde CPE Bach Musiker - und zwar ein derart berühmter, dass, wenn damals von "Bach" gesprochen wurde, er und nicht der Thomaskantor gemeint war. 27 Jahre lang war er Clavicembalist und Hofkompositeur Friedrichs II. in Potsdam; und nochmals gut zwei Jahrzehnte lang arbeitete er als Nachfolger seines Taufpaten Telemann in Hamburg als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen und als Gymnasiallehrer am Johanneum.
Bachs Hamburger Position war enorm arbeitsreich. Allein die Osterzeit erforderte in jedem Jahr eine Passionsaufführung, und zwar in alter Tradition im Turnus Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, sodass also alle vier Jahre dasselbe Evangelium wieder an die Reihe kam. Allerdings fanden diese Aufführungen nicht nur in den Hauptkirchen (St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Jakobi, St. Michaelis) statt, sondern auch in den Nebenkirchen. Die Folge war, dass man in zwei Wochen durchaus auf zehn Passionsmusiken kommen konnte!
Am Übergang vom Barock zur Wiener Klassik kam CPE Bach eine enorm bedeutsame Rolle zu, denn neben den spielerisch-graziösen Tendenzen der Zeit verlieh er seiner Musik als einer der ersten Komponisten jenen erhöhten subjektiven Audruck, der auch die Dichtung des "Sturm und Drang" mit ihren leidenschaftlichen Gefühlsdarstellungen kennzeichnete. Die Feststellung der Musikwissenschaft, dass sich in Carl Philipp Emanuels Werk Empfindsamkeit u n d Aufklärung, musikalische Vergangenheit u n d Zukunft, Barock u n d Klassik treffen, lässt sich an seinen Passionen besonders plausibel belegen.
Die Aufführungen der väterlichen Passionen in Leipzig, an denen er als Sänger oder Instrumentalist häufig beteiligt war, haben natürlich in der Musik Carl Philipp Emanuels starke Spuren hinterlassen. Das große Vorbild zeigt sich auch in der Lukas-Passion: Rezitativen, Arien, Chören und Choräle kommen ähnliche Funktionen zu wie in den Passionen des Vaters. Arien und Chöre sind an den Schaltstellen des Geschehens als Kommentare und Betrachtungen eingesetzt, Soli und Chöre übernehmen "Rollen" bzw. die wörtliche Rede.
Im Vergleich zu den Leipziger Passionsmusiken nehmen sich die Werke des Sohnes allerdings wesentlich bescheidener aus, was vor allem mit dem veränderten Publikumsgeschmack zu tun hatte: Im Zeitalter der Aufklärung war die Menschennähe und -freundlichkeit Christi das, was es zu betonen galt - nicht seine unbegreifliche Gottähnlichkeit! Zudem investierten die nüchternen Hamburger deutlich weniger Zeit in die Gottesdienste - woraus sich die relative Kürze der Passion erklärt.
Bis 1999 galt CPE Bachs Lukas-Passion als verschollen. Erst im Sommer dieses Jahres wurde das Werk als Teil der Notenbibliothek der Berliner Sing-Akademie, die lange als Kriegsverlust verbucht worden war, in Kiew wiederentdeckt.
Seine letzte, im Jahr vor seinem Tod entstandene Passion nach dem Lukas-Evangelium liegt jetzt als Welt-Ersteinspielung bei GLOR Classics vor.
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